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Faktenblatt Alzheimer

Alzheimer-Forschung und Therapie in Tübingen

Alzheimer ist heute eine der größten Herausforderungen der alternden Gesellschaft. Es ist dies die häufigste und schwerste Form der Altersdemenz - und sie nimmt mit zunehmendem Alter einen dramatischen Verlauf: während nur etwa drei bis sechs Prozent der Siebzigjährigen von Alzheimer betroffen sind, leidet bei den Achtzigjährigen schon jeder vierte Senior, also 25 Prozent der Altersgruppe, an der so genannten Vergessenskrankheit. In der Gruppe der Neunzigjährigen ist bereits jeder dritte betroffen. Es gibt Studien, die sogar von 40 bis 60 Prozent Demenzkranken bei den Hochbetagten ausgehen.

Professor Mathias Jucker ist der Leiter der Forschungsgruppe "Alzheimer" am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen

In Deutschland spricht man derzeit von 1,2 Millionen Erkrankten. Weltweit wird die Zahl der Betroffenen auf 25 Millionen Menschen geschätzt. Eine Zahl, die angesichts steigender Lebenserwartung noch stark zunehmen wird. So rechnet man mit einer Verdreifachung der Zahl innerhalb der kommenden fünfzig Jahre. Die Alzheimergesellschaft prognostiziert, dass in Deutschland bei den Demenzerkrankungen spätestens im Jahr 2040 die Zwei-Millionen-Marke überschritten sein wird. Die damit verbundenen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme verlangen nach raschen Antworten der Forschung.

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen hat sich die Erforschung der Alzheimer-Erkrankung zu einem der großen wissenschaftlichen Ziele gemacht. Im November 2006 - genau 100 Jahre nach der Entdeckung der Krankheit durch den Nervenarzt Alois Alzheimer - trafen sich Experten aus der ganzen Welt in Tübingen, um den aktuellen Stand der Forschung und die Herausforderungen der Zukunft zu erörtern.

Was im Hirn passiert, wenn es im Alter zu Vergesslichkeit, Verwirrung, Sprachproblemen, Depression, Halluzinationen und schließlich zum völligen Persönlichkeitsverlust kommt, ist seit langem bekannt: Missgefaltete Proteine (so genannte Amyloid-Plaques) werden zwischen den Nervenzellen abgelagert, wodurch zunächst die Kommunikation der Nervenzellen gestört wird. Später führen diese Amyloid-Plaques zum Absterben der Zellen. Der Mensch verliert sich - mit den untergehenden Nervenzellen - sozusagen selbst. Unklar ist bislang, weshalb es zur Missfaltung und zu den darauf folgenden Ablagerungen von verdrehten Proteinen kommt und weshalb dies vorwiegend im Gehirn alter Menschen geschieht.

Mit dem Tübinger Mausmodell zum Therapie-Erfolg

Im Mittelpunkt der Arbeit der Alzheimer-Forschungsgruppe am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung steht das Aufspüren jener Mechanismen, die zu den Fehlbildungen bei den Proteinen und den Eiweißablagerungen im Gehirn führen. Darauf aufbauend sollen therapeutische Strategien entwickelt werden.

Über die letzten Jahre ist es am HIH gelungen, unter anderem Mausmodelle zu generieren, die Amyloid-Plaques entwickeln und somit den Verlauf von Alzheimer widerspiegeln. Es konnte bewiesen werden, dass diese Eiweißablagerungen durch eine Verabreichung (Injizierung) von hoch verdünnten Extrakten aus den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten von außen induziert werden können. Das bedeutet zwar nicht, dass Alzheimer infektiös ist wie zum Beispiel die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, es könnte aber so sein, dass Stoffe aus der Umwelt, die eine ähnliche Struktur haben wie das Amyloid, die Alzheimer-Krankheit auslösen. Neben genetischen Faktoren müssen also auch Umwelteinflüsse in Betracht gezogen werden.

Mit der Fortsetzung der Forschungsarbeiten am Mausmodell hofft man am HIH einen Schritt weiter in Richtung Alzheimer-Impfung zu gelangen.

Diese und andere Befunde erlauben den Wissenschaftlern am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, mit Hilfe der Mausmodelle und deren Übertragung auf den Menschen, eine Therapie gegen die Alzheimer-Krankheit zu entwickeln. Erste Versuche, die Bildung von Amyloid im Mäusegehirn zu verhindern, sind viel versprechend. Es wird angenommen, dass so genannte Mikroglia-Zellen, das sind im Gehirn vorkommende Fresszellen, dabei eine ganz wichtige Rolle spielen.

Entscheidend für jede Form der Alzheimer-Behandlung wird sein, die diagnostische Früherkennung zu verbessern, um schon eingreifen zu können, bevor die Amyloid-Ablagerungen zum Sterben der Nervenzellen und somit zur Alzheimererkrankung führen. Hat die Zerstörung der Nervenzellen erst einmal eingesetzt, kann sie durch Medikamente nicht mehr rückgängig gemacht werden. Durch die zeitgerechte Anwendung einer Kombinationstherapie aus Impfung und Medikamenten könnte die Krankheit in einem frühen Stadium in den Griff bekommen werden.

 

Pressekontakt:

Silke Jakobi
Leiterin Kommunikation
HIH Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Zentrum für Neurologie, Universitätsklinikum Tübingen
Otfried-Müller-Str. 27
72076 Tübingen
Tel. 07071/29-88800
Fax 07071/29-4796
silke.jakobi(at)medizin.uni-tuebingen.de